Jüdisches Leben in Trier 2021

Neustraße: Familie Herrmann

In der Neustraße vor dem Haus Nr. 92 befinden sich zehn Stolpersteine. Sie gehören zu einem Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der 1996 begonnen hat, 10 x 10 cm große Messingplatten für Opfer des Nationalsozialismus an der Stelle in den Boden einzulassen, wo der Mensch zum letzten Mal freiwillig gewohnt hat. Es handelt sich um Sinti und Roma, kranke und behinderte Menschen, politische Gegnerinnen und Gegner, Priester, Homosexuelle, Kriegsdienstverweigerer, Wehrmachtsdeserteure, aber vor allen Dingen Jüdinnen und Juden. 70.000 Stolpersteine hat Gunter Demnig seither verlegt, davon über 200 in Trier.

Fünf der Stolpersteine in der Neustraße 92 erinnern an die jüdische Familie Herrmann. Diese betrieb zunächst in der Simeonstraße und dann in der Neustraße ein Herrenbekleidungsgeschäft. Der 1886 geborene angesehene Kaufmann Jakob Herrmann war mit der Luxemburgerin Hedwig David verheiratet. Sie hatten zwei Söhne, Robert und Bernhard. Hedwig starb in jungen Jahren, und Jakob heiratete dann deren jüngere Schwester Irma, das Paar hatte einen Sohn, Erich. Schon acht Wochen nach der Machtergreifung Hitlers wurden im ganzen Reich und auch in Trier die Geschäfte jüdischer
Besitzerinnen und Besitzer boykottiert. 1936 gaben die Herrmanns ihr Geschäft auf und zogen nach Luxemburg. Am 10. Mai 1940 überfielen deutsche Soldaten der Wehrmacht Luxemburg, Frankreich und Belgien, und die Familie geriet erneut in den Herrschaftsbereich der Nazis.

Wir finden sie dann ein Jahr später, am 16. Oktober 1941, auf der Liste eines Zuges, der Juden aus Luxemburg über Trier in das Ghetto im polnischen, von Deutschen besetzten Łódź brachte. Jakob Herrmann wurde Wochen nach der Ankunft des Zuges im Ghetto umgebracht, er wurde 55 Jahre alt. Am selben Tag starb sein 12 Jahre alter Sohn Erich durch Gewalt. Sohn Robert starb im Alter von 17 Jahren 1942 im Ghetto. Auch Irma kam im Ghetto um, ihr Todesdatum ist unbekannt. Der letzte Überlebende, der 21-jährige Sohn Bernhard, wurde 1944 vom Ghetto Łódź ins Vernichtungslager Chelmno gebracht und dort
vergast. Damit endet die Geschichte der Trierer Familie Herrmann, aber dank der Stolpersteine ist das Gedächtnis an sie und ihr Schicksal nicht ausgelöscht, und 2010 kamen
hier Angehörige aus Deutschland und den USA zu einer Würdigungsfeier zusammen.